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Archiv - März 2006

Hier lesen Sie Einträge vom März...
 

30. März 2006
Von Mäusen und Menschen (...und Motzern)

Logo der 4ten Biennale in BerlinFalls Sie sich tatsächlich für Kunst interessieren und in den nächsten Wochen zufällig im Raum Berlin sind, dürfen Sie die 4te Biennale "Von Mäusen und Menschen" nicht verpassen. Was dort heute ausgestellt wird, hängt morgen in den großen Museen, sagt man. Und wenn Sie dort waren, dann schreiben Sie mir doch bitte eine E-Mail und sagen mir, wie es Ihnen gefallen hat. Ich werde nämlich nicht hinfahren. Keine Lust.

Das hat mehrere Gründe. Der wichtigste: Auf meinem langen Evolutionsweg vom Fußball-Junkie zum "Connaisseur" (*hüstel*) habe ich die Stufe noch nicht erreicht, auf der man per Naturgesetz staunend vor kryptischen Installationen oder so genannter Environment-Kunst verharrt. Wie viel "Art-Experience" ist nötig, um eine leere schwarze Anzeigentafel als "metaphysischen Zeitmesser" (Kris Martins) wahrzunehmen? Und wenn der Künstler Bouchet für seinen "Dirty Room" tonnenweise Schmutz und Kompost aus einem Gefängnis herankarren lässt, mag das zwar eine Metapher sein, aber vor allem bleibt es Dreck (wenn auch intellektuell angereichert).

Mit Minimal Art habe ich ohnehin meine Probleme. Bei Besuchen in der Pinakothek der Moderne ärgere ich mich jedes Mal, dass der "Meister des Neon-Lichts", Dan Flavin, für seine Installationen ein schönes Einzelzimmer bekommen hat, während sich ein paar Türen weiter die Bilder von Franz Marc, August Macke und Otto Dix auf ein paar Quadratmetern Wand zusammen drängen... Aber das ist ein anderes Thema.
 

Plasik von Maurizio Cattelan   Die neunte Stunde, Plastik von Kurator Maurizio Cattelan
 

Zurück zur Biennnale: Die Kuratoren (renommierte Kunstkenner oder eben selber bedeutende Künstler wie Maurizio Cattelan) haben sicherlich einen Kreis erlesener Künstler aus aller Welt für das Berlin-Projekt einsammeln können und auch den Ort der Veranstaltung, die Auguststraße, laut allgemeinem Presse-Echo gut gewählt. Ausstellungen gibt es unter anderem in einer Kirche, einem alten Fabrikgelände, einer Privatwohnung und einer ehemaligen jüdischen Mädchenschule (bis in die 60er, dann DDR-Oberschule). Ausgefallene Plätze voller morbidem Charme, die auch die zentralen Ideen der Exponate verstärken sollen: Angst, Zwang, Traumata, Heimatlosigkeit. Eine solch gebündelte Hoffnungslosigkeit nahm die Welt am Sonntag zum Anlass für einen umfassenden Verriss. Exemplarisch angeführt wird dabei die "Spuk-Installation" (Bang-Bang-Room) von Paul McCarthy in der ehemaligen jüdischen Mädchenschule. In die Aula haben die Aussteller einen nachgebauten Güterwaggon platzieren lassen. Da sei dann schon die Frage erlaubt, ob es eine dezentere Anspielung nicht auch getan hätte?
 

Schwontkowski - Selbstportrait als Dürer 2004   Schwontkowski-Portrait: Dürer, 2004
 

Witzig ist demgegenüber die Idee für die Ausstellung von Nobert Schwontkowski. Der Bremer Maler hat sich in besagter Straße ein Appartement gemietet. Um seine Ölbilder anzuschauen, müssen Sie schon bei ihm klingeln. Schwontkowskis Gemälde gehören sicher zu den Highlights der Berliner Kunst-Wochen, weil er mit seinen ironischen Motiven die vom Kuratorenteam inszenierte Schwermut aufbricht. Und weil er leichter verdaulich ist (nicht negativ gemeint). Wohl auch aus diesem Grund hat ihm das Gruner und Jahr-Blatt Art ein Portrait im Rahmen der Vorberichterstattung gewidmet. Zugegeben, das Appartement samt Hauptdarsteller würde ich mir gerne ansehen.

Aber dafür 600 Kilometer Fahrtweg? Das wäre genauso weit wie nach Florenz zu den Uffizien. Da war ich noch nie, vermute dort aber insgesamt einen größeren Unterhaltungswert. Klar, die Uffizien stehen im Sommer noch, die Biennale nicht. Aber die Bilder von Schwontkowski kann man auch danach noch täglich in Berlin anschauen - in der Galerie Contemporary Fine Arts.

Der Vollständigkeit halber (und wegen des Mottos dieser Webseite): Schwontkowski wurde nicht erst für die Biennale entdeckt. Seine Bilder sind "sackteuer" und keine ebay-Ware. Ein paar Radierungen zu Preisen von knapp 400 Euro finden Sie bei Extralot
 

27. März 2006
Kaufe ein "R", tausche ein "H"...

Namensgleichheit führt zu Verwechslungen. Das gilt erst Recht in der Kunst. Man disqualifiziert sich nicht unweigerlich zum "Kunstbanausen", wenn man beispielsweise die Brueg(h)els nicht auseinander halten kann, (zumal die Söhne den bedeutenden Papa gerne kopiert haben). Der flämische Manierismus - bzw. Barockmeister Pieter Bruegel der Ältere (1525/1530-1569) und dessen Söhne Pieter Brueghel der Jüngere (1564/65-1637/38) und Jan Brueghel der Ältere (1568-1625) sowie Enkel Jan Brueghel der Jüngere (1601 - 1678, Sohn von Jan dem Älteren) stiften in jeder gut sortierten Sammlung alter Meisterwerke Verwirrung. Verwechslungsgefahr ist auch bei Manet (Edouard , 1832 - 1883) und Monet (Claude, 1840 - 1926) nicht ausgeschlossen, die tatsächlich mehr gemeinsam haben als ein paar Konsonanten im Namen.

"Randy Wharhal - Red-Yellow"   Randy Wharhal: "Red-Yellow"
 

Garantiert gar nichts miteinander zu tun haben allerdings der amerikanische Ur-Vater der Pop-Art Andy Warhol und der "Newcomer" Randy Wharhal. Von dessen Pinsel stammt das bei ebay angebotene Bild "Red-Yellow" mit einem Galerie-Verkaufspreis von 4900 Euro. Sagt der Verkäufer. Was bislang über Randy nicht bekannt war, reicht der Anbieter nach:

Randy Wharhal spiegelt mit seinen Bildern die auf seinen Reisen weltweit gesammelten Eindrücke wieder. Mutig spielt er mit der gesamten Modernen Kunst, so dass seine Bilder allen Räumen Wärme, Lebensfreude und Energie einhauchen. Seine Bilder, welche erstmals überhaupt in Europa käuflich erworben werden können, ziehen auch hier immer mehr Fans und Kunstsammler in ihren Bann. Sie sind ein Blickfang und exklusive Bereicherung für alle Geschäftsräume oder für das gehobene Privatambiente!

Nun ja, die A(u)ktion ist mittlerweile beendet und war nicht der große Bringer. Bei einem Startpreis von knapp 90 Euro konnte sich keiner der Interessenten zum Kauf hinreißen lassen. Liegt womöglich aber nicht am Kunstwerk selber, sondern am Namen des Meisters. Vorschlag: Einfach die bunten Servietten von der Leinwand nehmen und dann unter dem Künstlernamen "Kahn Dinski" oder "Salvator D. Ali" noch einmal anbieten. Irgendwann muss es einfach klappen! Ich drücke fest die Daumen.
 

21. März 2006
Viele Worte, wenig Bilder

Am Wochenende war in der Tageszeitung "Die Welt" ein Artikel über ein recht neues Kunst-Auktionshaus, an dem sich der Springer-Verlag beteiligt. Interessant daran: Der Macher von Banghaus.com, Michael Bang, will das elitäre Sotheby's-Flair virtuell vermitteln und sich von dem "riesigen Sammelsurium, das auch Arbeiten von Hobby-Künstlern, Kunstgewerbe, Repliken bis hin zu Fälschungen enthalten kann" bei ebay distanzieren. Bang gibt dafür ansässigen Auktionshäusern die Möglichkeit, Kataloge zu präsentieren oder direkt Bilder einzustellen. Wichtigstes Kriterium sei dabei die Qualität, die angeblich von Kunstkennern garantiert würde.
 

Valdemar Foersom Hegndal, "Zwei weibliche Akte", 1963Valdemar Foersom Hegndal, "Zwei weibliche Akte", 1963, Farblithographie, gerahmt ( 35 Euro).


Tatsächlich ist derzeit eine handverlesene Zahl an Auktionshäusern mit einem überschaubaren Angebot am Start. Die stammen vorwiegend aus Norddeutschland oder Dänemark. Das ist wichtig zu wissen, denn bei einem Deal erwartet der jeweilige Handelspartner, dass der Käufer den Posten persönlich in Empfang nimmt. Portopauschalen, wie bei ebay üblich, sind hier nicht vorgesehen.
Gut: Zu den Ölgemälden (fast alle aus den letzten beiden Jahrhunderten) wird jeweils ein Schätzpreis genannt, der vor unbedachten Mausklicks schützt. Noch besser: Das breite Kunst-Publikum hat die "edle" Cyber-Auktionsplattform noch nicht entdeckt oder angenommen. Zu fast keiner der laufenden Gemälde-Auktionen liegen Gebote vor. Hier besteht die Chance, günstig einzukaufen. Und das gilt in besonderem Maße für die Kategorie Nachverkauf, in der gerahmte Ölbilder ab etwa 10 Euro zu haben sind. Allerdings sollten Sie das Kleingedruckte lesen. Zu den angegebenen Festpreisen kommt noch eine Provision in Höhe von 18 Prozent samt Umsatzsteuer (25 Prozent der Provision).
 

20. März 2006
Kippenberger in London,
Adamski bei Artax

Derzeit ist in der Tate Modern in London eine Retrospektive zu Martin Kippenberger (1953 - 1997) zu sehen: Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Installationen. Eine späte Auszeichnung für den "Art-Anarcho", der sich mit seiner ironischen, teils subversiven Kunstdeutung nicht nur gegenüber der etablierten Szene der 80er Jahre in Deutschland positioniert (Richter, Polke), sondern die Tabuzonen des Kunstraumes neu absteckt.
 

Adamski - Können Blumen lügen   Adamski: "Können Blumen lügen", Lithographie, 2001, ca. 100 Euro
 

Zu deutsch: Er produziert teilweise offensichtlichen Unsinn in Wort und Bild, den ihm die Interessenten aber gierig aus den Händen reißen. Recht so: Kippenberger ist witzig, originell und vor allem gut. Unikate sind längst unbezahlbar. Schon für einfache Poster zahlt man bei ebay 50 Euro und mehr.

Deutlich günstiger, aber ebenso interessant sind meines Erachtens die Werke von Hans Peter Adamski (* 1947), Kunstprofessor in Dresden und ebenfalls einer der wichtigsten Vertreter der damals so bezeichneten "Neuen Wilden". Auch Adamski provoziert, pointiert Alltägliches und zelebriert Klischees. Und das irgendwo zwischen Konzeptkunst, abstraktem Expressionismus und Dada. Muss man nicht mögen, sollte man aber mal gesehen haben. Aquarelle und Lithos (kleine Auflagen) gibt es derzeit bei Artax zu absolut erschwinglichen Preisen.
 

14. März 2006
Auch eine Kunst:
Ladenhüter anpreisen

Heiliger mit heilenden KräftenKurzer Nachtrag zu gestern: Wie bewirbt man ein Ölgemälde, das nicht signiert wurde, keinem halbwegs berühmten Maler zuzuschreiben ist und nicht einmal handwerklich aus der Durchschnittsmasse herausragt (siehe Fehler beim Lichteinfall)? Vor dieser Frage stand ein Verkäufer aus Ulm und hat dem Bild kurzerhand "heilende Kräfte" zugeschrieben. Scheint plausibel, weil ja auch der Heiland darauf zu sehen ist. Weniger plausibel ist allerdings das Laugenbrötchen in der Hand des Dargestellten. Ein Tag vor Auktionsschluss steht das höchste Gebot noch bei recht irdischen 125 Euro.
 

   Für positive Dinge verantwortlich? Heiliger mit Laugenbrötchen
 

13. März 2006
Bilderschlussverkauf bei ebay!

Wenn Online-Galerien einen ganzen Stapel an Bildern zu Sonderangebot-Preisen verschleudern, mag das seinen Grund haben. Bei Privatpersonen habe ich meine Zweifel. Und nicht nur, weil die Anbieter Gewährleistung und Umtausch in der Regel ausschließen. Viel fadenscheiniger wirken die Begründungen für den Verkauf. Sehr gerne genommen wird der ominöse Dachbodenfund, bei dem gleich mehrere "extrem wertvolle" Ölbilder auftauchen (deren Signatur meist unleserlich erscheint, aber dennoch auf das seltene Werk eines italienischen Barockmeisters oder deutschen Expressionisten hindeutet...).
 

Oskar Kokoschka?    Original von Oskar Kokoschka? Der Anbieter ist sich nicht ganz sicher...
 

An Position zwei folgt der "Notverkauf": Ein Bild, das der Großpapa für 38.000 Reichsmark vom Künstler selbst erworben hat und von dem man sich nun aufgrund der SPD-verursachten Wirtschaftskrise schweren Herzens trennen müsse...


Dachbodenfund im Angebot bei ebay
Dachbodenfund: "SELTEN! TOP!"   ►
 

So lange es sich um Einzelstücke handelt, OK. Wenn aber jemand haufenweise Radierungen und Lithos unter dem Label "Original" anbietet, die zwar signiert, aber nicht nummeriert sind oder mit "E.A." (epreuve d´artiste) bezeichnet wurden, schrillen die Alarmglocken. Zu allem Überfluss sind die Bilder meist auch noch gerahmt. Mag der Rahmen noch so gut zum Motiv passen. Mögliche Hinweise auf die Originalität oder eine Fälschung (Papier, Wasserzeichen, Passepartout-Ränder) bleiben hinter dem Glas verborgen. Klar, man könnte die Blätter aus der Verglasung nehmen und einem Galeristen vorlegen. Wer aber macht das denn bei einem Bild, das inklusive Rahmen gerade mal 100 oder 150 Euro gekostet hat?
Ich würde es nicht tun. Ich würde aber auch nicht auf diese "Super-Schnäppchen" bieten. Da sind Online-Galerien doch deutlich seriöser. Die garantieren die Echtheit und gewähren ein 14tägiges Rückgaberecht. Und von Dachbodenfunden habe ich da noch nichts gelesen. 


9. März 2006
Ich kaufe keine schönen Bilder

"Aber, wenn es doch schön ist!" Das höre ich oft, wenn ich gestehe, wie viel ich für ein Bild ausgegeben habe. Die Mischung aus Güte und Mitleid vergeht aber sofort, wenn ich erzähle, dass es eben kein schönes Bild ist. Keines, das farblich zur Couch passt oder sich perfekt zwischen CD-Regal und Fernseher einfügt.
 

Jiri Anderle - Nemesis (WV 294)◄   Schön? Jiri Anderle, Nemesis, WV 294 (derzeit bei ebay...)
 

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich habe nichts gegen "schöne" Bilder. Aber "Schönheit " darf kein Kriterium sein, wenn Sie ein paar hundert Euro für ein Gemälde oder eine Radierung ausgeben. Und "Schönheit" ist absolut kein Argument, um in der Kunst die Spreu vom Weizen zu trennen. Natürlich gibt es Hunderttausende von Meisterwerken, die nicht nur handwerklich großartig gefertigt sind, sondern auch im allgemeinen Verständnis als "schön" gelten. Aber es gibt mindestens genau so viele, für die letzteres nicht gilt.

Die Seerosen von Monet sind sicherlich attraktiv. Bilder von Baselitz sind es in der Regel nicht. Trotzdem bin ich davon überzeugt, dass sich jeder mit Baselitz befasst, der in einem Museum versehentlich vor einem seiner Bilder ausruht. Baselitz polarisiert und provoziert. Vielleicht widern seine Bilder sogar an. Aber niemand geht unbeeindruckt weiter. Und wenn diese Auseinandersetzung länger als ein paar Augenblicke andauert, handelt es sich wohl (subjektiv gesehen) um ein bedeutendes Bild. Und das kann selbstverständlich auch von einem (noch) unbekannten Maler stammen.
 

Links Baselitz, rechts MonetKontraste: Links Georg Baselitz (Les Jeunes filles d'Olmo II), rechts Claude Monet (Seerosen)     ►
 

Interessante, anregende und widersprüchliche Bilder finden Sie für wenig Geld zuhauf bei den Online-Galerien und auch bei ebay (wenn Sie suchen und Geduld mitbringen). Garantiert schöne Bilder gibt es dagegen nur bei Ikea.  

 

6. März 2006
Die Kunst kleiner Leute

Man kann und sollte viel über Kunst diskutieren. Man kann auch darüber streiten - nicht nur über das Werk von Joseph Beuys übrigens. Zu absolut dämlichen Auseinandersetzungen kommt es aber bei der Frage, welche Kunsttechnik noch als "Original" anzusehen ist. Hier prallen unversöhnliche Kunst-Anschauungen aufeinander. Auf der einen Seite das Lager derer, die "Original" mit Unikat übersetzen. Demnach würden nicht nur fotomechanische Reproduktionen von Gemälden aus der Gattung der "Originale" fallen, sondern auch druckgraphische Werke wie beispielsweise Radierungen, Holz- und Kupferstiche und so fort. Die andere Front wird von Sammlern und Jägern angeführt, die alles zum "Original" erklären, sobald sich eine handschriftliche Signatur auf dem Bild befindet. Und diese Gruppe ist zumindest bei ebay zahlenmäßig stark vertreten. Nur so lässt sich erklären, dass recht billig produzierte Posterdrucke Phantasiepreise von 50 Euro und mehr erzielen, wenn nur der Künstler seine Unterschrift darauf gesetzt hat...
 

Helnwein: Motiv aus "Neunter November Nacht"◄   Helnwein-Originale: Links der kleine Screenprint von 1997 und rechts die fast 4 Meter hohe Installation aus der Serie "Neunter November Nacht" von 1988.
 

Ich kann beiden Positionen nicht folgen. Würde man allen Kunsttechniken, die auf Vervielfältigung ausgelegt sind, den Original-Status absprechen, müssten die Museen einen Großteil der Picassos, Chagalls, Dalis und Dürers von den Wänden nehmen. Und was ist mit Künstlern, deren Hauptwerk aus Radierungen besteht, wie der von mir sehr geschätzte Jiri Anderle? Alles in die Tonne treten? Wäre doch schade drum. Der konservative Brockhaus spricht ein salomonisches Urteil:

(...)Wenn hier das technische Hilfsmittel, also die Gussform oder Druckplatte vom Künstler selbst stammt und die Fertigung der Güsse bzw. Abzüge von ihm selbst oder unter seiner Aufsicht, jedenfalls mit seiner Autorisierung vorgenommen werden, sind sämtliche Werkexemplare als Originale zu betrachten. (...)

Das gilt in weiten Teilen auch für Lithographien und Seriegraphien, die streng genommen eine Kopie vom Original darstellen. Letztlich entscheidet der Künstler. Mit seiner Signatur autorisiert er den Abzug, mit der Nummerierung limitiert er ihn. Und damit eröffnen die Herren Chagall, Picasso, Dali oder Ernst Interessierten überhaupt erst die Möglichkeit, an ein "Original" zu kommen. Die Kunst kleiner Leute? Meinetwegen. Von diesen "kleinen Leuten" lebt aber der Kunstmarkt - und nicht nur bei ebay. 
 

3. März 2006
Die Kessler-Zwillinge
 

Zu den fleißigsten ebay-Anbietern zeitgenössischer Kunst gehört die Galeria Arte. Im Angebot ausschließlich "Qualitäts-Ölgemälde" (O-Ton). Darunter gab es auch einen kleinen orange-farbenen Hund. Mit einem grünen Apfel auf den Kopf ("Handgemaltes Original, Registriert"). Passt prima ins Kinderzimmer, dachte ich mir. Und das Werk stammt von keinem Geringeren als vom chinesischen Meister Ming. Die Galerie liefert auch die Kurzbiographie mit:

"Ming wurde 1969 in China geboren. Er graduierte an der elitären Central Academy of Arts im Jahre 1982. Seit Mitte der 90er Jahre finden seine außergewöhnlichen Werke verstärktes Interesse auch bei internationalen Kunstliebhabern. Insbesondere in Japan und Singapur erfahren seine Ausstellungen große Annerkennung bei Sammlern. Ming ist Mitglied der Chinese Artist Association in der Provinz Fujian. In Deutschland noch ein absoluter Geheimtipp, sind wir sehr stolz, Ming hier vertreten zu dürfen".

Hundemotiv von D.P. Kessler (links) und "Ming" (rechts)◄   Links der Kessler, rechts der Ming

OK, ich gebe zu, dass ich bis dato nichts von der elitären, chinesischen Central Academy of Arts gehört und meine Web-Recherchen entnervt abgebrochen habe. Ich gebe auch zu, dass ich das Bild ersteigert habe. (zum Gegenwert von 2 Weißbier und 2 Päckchen Marlboro). Der Hund kam dann auch (zum angemessenen Porto von 48 Euro)! Welch eine Freude. Und welch eine Überraschung, als der gleiche Hund wenige Tage später wieder über ebay zu haben war! Ming, "der große China-Meister" kopiert sich selbst? Das wäre ja noch OK. Hat Van Gogh ja auch getan und gilt als "Variation". Die bittere Wahrheit: Ming (Mistkerl? Opfer?) macht das gleiche wie der renommierte, amerikanische Maler Daniel Patrick Kessler. Kessler lebt und arbeitet in Washington DC und bezeichnet seine Werke als Folk Art. Häufigste Motive: Tiere. Da stellen sich gleich viele Fragen: Kopiert der Ming den Kessler oder umgekehrt? Warum verkauft Kessler die Poster seiner Werke für rund 60 US-Dollar, während ein Ming schon für gut 25 Euro zu haben ist? Weiß der Ming vom Kessler? Sind Kessler und Ming etwa die gleiche Person? Dann wäre ein Kessler-Bild so etwas wie Jacobs-Krönung und ein Ming-Werk der Aldi-Kaffee - gleicher Inhalt, andere Verpackung. Oder ist Ming ein Sammelbegriff für kleine chinesische Kinderhände, die in Fließbandarbeit unter dem Pseudonym "Kessler" Ölgemälde fabrizieren? In jedem Händchen ein kleiner Farbeimer? Wie auch immer: Das Bild hängt nun bei Ischti. Und ich habe sogar noch ein Katzenmotiv draufgelegt, weil ich so begeistert war. Vom Ming. Und vom Kessler natürlich auch.

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