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Archiv - August 2006

Hier lesen Sie alle Einträge vom August...
 

24. August 2006
Ausverkauf im Münchner Haus der Kunst

Das kam überraschend: Das Münchner Haus der Kunst versteigert seine Depot-Werke, also Sachen, die es nicht in die ständige Ausstellung geschafft haben oder an andere Museen (und teilweise Privatleute!) verliehen wurden. Insgesamt rund 1300 Kunstwerke, die am 9. und 10. Oktober in der Prinzregentenstraße unter den Hammer kommen.
 

"Haus der Kunst"  München   Depotversteigerung im Münchner Haus der Kunst

 

 

Dabei auch Gemälde von Picasso, Gerhard Richter, Pechstein, Dix und Miró. Der Gesamterlös soll bei rund 3 Millionen Euro liegen. Allein der Richter (ein Bild, das auch von meiner Tochter aus ihrer Kindergartenzeit hätte stammen können) wird auf rund 400 000 bis 600 000 Euro geschätzt.

Andreas Langenscheidt, Chef des Förderkreises und verantwortlich für die Mega-A(u)ktion begründete die Lagerräumung mit der Bemerkung, das sei "totes Kapital". Ein witziges Zitat im Hinblick auf den derzeitigen Hype am Kunstmarkt. Der Ansturm an zahlungskräftigen Sammlern wird sicherlich anderer Meinung sein.


23. August 2006
Peinlich, peinlich...

Ein Prachtbeispiel für den täglichen, kleinen Beschiss bei ebay erleben Sie derzeit, wenn Sie als Suchbegriff "Anderle" eingeben. Ganz oben eine Litho von Jiri Anderle (Profil - nach Ambrosio de Predis, Helio-Lithografie nach Bleistiftzeichnung). Genau darunter: Die gleiche Lithographie - aus der gleichen Serie. Allerdings sind die Unterschiede auf den zweiten Blick ganz erheblich: "Ambrosio 1" wird privat verkauft, der Versand erfolgt aus Spanien zum Preis von 19 Euro. (Laufzeit: noch 3 Tage). "Ambrosio 2" ist im Angebot der seriösen Galerie Extralot (Paal9). Laufzeit: noch 2 Tage bei einem Versandpreis von rund 13 Euro.

 

Lithos von Anderle bei ebay - das teurere steht besser im Kurs...   Billig oder teuer? Sie haben bei ebay die Wahl...

 

Dass sich um die teurere Grafik mehr Leute "prügeln" und den Preis bereits auf 53 Euro gehoben haben, während "Ambrosio 2" bei 9 Euro und 2 Geboten dahindümpelt, ließe vordergründig auf die Dummheit der ebay-User schließen. "Was teuer ist, muss gut sein". Diese Faustregel erklärt zwar die große Zahl der BMW-Fahrer, trifft aber hier nicht zu. Denn der Höchstbietende ist "Dauerkunde" beim spanischen Besitzer der Lithographie! In den letzten drei Jahren hat er ausschließlich (!) bei marinara88 gekauft.


Stinkt gewaltig nach einem zweiten Account bei ebay, der allein dazu dient, die Preise für die eingestellte Ware in die Höhe zu treiben. Die Rechnung hätte auch aufgehen können, wenn derjenige nur nicht so gierig gewesen und noch ein paar Wochen gewartet hätte. Zufällig stehen nun die beiden Angebote direkt untereinander. Dumm gelaufen.
Derzeit werden übrigens die Grafiken aus der Ambrosio-Serie jede Woche von Galeristen  verzockt. Zu deutlich besseren Konditionen - und mit Rückgaberecht!


18. August 2006
Streit um Anzug Nr. 18

Filzanzug von Joseph Beuys 1970Nicht von Brioni kommt der teuerste Herrenanzug, sondern von Beuys. Obwohl - oder gerade weil - dieser "nur" aus Filz besteht (ein paar Fettflecken als Echtheitszertifikat lassen sich im Ärmelbereich oder am Kragen sicher auch noch ausmachen.)

 

  Gibt es auch für 70 Euro bei C&A: Filzanzug in grau
     

 

Hintergrund: In Düsseldorf ist ein Original Beuys-Anzug aus dem Jahr 1970 aufgetaucht (Kunstwerk wohlgemerkt, nicht Mode). Schätzwert: Gute 60 000 Euro. Beuys hatte mehr als hundert davon genäht und sammlergerecht editiert. Jeder hat eine eigene Nummer. Dieser trägt die "18"

Allerdings melden gleich zwei Personen Besitzansprüche an: Ein Sammler, der "Nr. 18" Anfang der 90er für mehr als
40 000 Euro gekauft haben will und ein Galerist, der den Anzug angeblich 1988 bei einem "fingierten Einbruch" hat verschwinden lassen und dabei die Nummerierung von "47" in "18" geändert hat. Stimmt diese Geschichte, gibt es demnach zweimal die "18".
Tipp für's Wochenende: Die Rote Kreuz-Container mit Altklamotten durchforsten. Ist zwar verboten (und schwierig, in die enge Klappe zu kriechen), aber wer ein übergroßes Jackett mit einer gestempelten "18" in der Innenseite findet, könnte über Nacht reich werden. Ein bisschen zumindest.


16. August 2006
"Zurück zur Figur" - Aktuelle Ausstellung in der Hypo-Kunsthalle (München)

Selten wurde eine Ausstellung von den Kritikern so zerrissen, wie "Zurück zur Figur - Malerei der Gegenwart" in der Hypo Kunsthalle München. Die "Art" sprach von einem Sammelsurium der Belanglosigkeiten, und die "Zeit" sah den Mythos "Leipziger Schule" entzaubert. Dem kann ich mich nicht anschließen. Im Gegenteil. Wer sich auf die scheinbar banalen Alltagsmotive einlässt, erlebt eine unglaubliche Vielfalt an Stilen und Interpretationen und nimmt auch den ein oder anderen neuen Namen mit, (den man sich merken sollte).

Gerade die häufig kritisierte Mischung aus "Altstars" wie Lucian Freud, Alex Katz oder Maria Lassnig in Verbindung mit unverbrauchten Namen wie Anton Henning (von dem auch das Titelmotiv der Ausstellung stammt), Regina Götz oder Georg Dienz sorgt für Kontraste und Überraschungen. Sofern man sich mit dem Überangebot neo-realistischer Motive arrangieren kann.

 

Eric Fischl - Bathroom scene, 2005, Öl, 74 x 92 cm   Ehe-Studie des Amerikaners Eric Fischl (Motiv nicht in der Hypo-
      Ausstellung)

 

Zu meinen Highlights gehören neben Regina Götz (der man zuweilen mangelhafte handwerkliche Fähigkeiten vorwirft, die mit ihren zarten und surrealen Selbst-Portraits aber mehr berührt als eine Vielzahl der fotorealistischen Abbildungen in den angrenzenden Räumen), die Portraits von Stephen Conroy (in der Hypo: großartig sein Selbstbildnis in Büßer-Haltung) und die Milieu- und Ehe-Studien von Eric Fischl, der mit seinen überbordenden Bildergeschichten vom Verlust des "American Dream" eine Melancholie versprüht wie zuvor vielleicht nur Edward Hopper.

Was zu den Preisen (wegen des Mottos meiner Webseite): Wer es in die Hypo-Auswahl gepackt hat, lässt sich auch gut bezahlen. Bei artnet werden viele der ausstellenden Künstler geführt. Für Gemälde der "ersten Liga" zahlen Sie nicht selten 15 000 Euro und  mehr. Deswegen reicht wohl auch ein Besuch in der Ausstellung, und die läuft noch bis zum 27. August.


14. August 2006
Selber malen (wie die großen Vorbilder)

Falls Ihre eigenen künstlerischen Gehversuche mit dem alten Wasserfarbkasten genauso ärmlich gescheitert sind wie meine, Ihr ungestilltes kreatives Potenzial aber nach wie vor zu Schlafstörungen führt, könnten die folgenden Web-Seiten helfen. Künstlerisches Scheitern (fast) ausgeschlossen.

 

Mit Farbe spritzen wir Pollock - ab sofort kostenlos im Internet   Farbschmierereien ohne schmutzige Hände: Der Pollock-
      Generator im Internet

 

Auf www.jacksonpollock.org können Sie mit Farbe "werfen", wie es der Alk-Meister in den 50ern gemacht. Mit jedem Klick ändert sich der Farbton im Zufallsprinzip.

 

Jede Mausbewegung führt zu neuen, "ausdrucksstarken" Kritzeleien auf dem Desktop. Je schneller Sie die Maus über den Bildschirm bewegen, desto dünner wird der Pinselstrich. Allerdings ist das auf Dauer ermüdend, und schöner werden die Bilder auch nicht.

 


Neoplatizismus für jedermann: Die Mondrian-Seite im Web
  Mondrian für Nichts-Könner: Pro Klick ein neues Kunstwerk

 

Noch einfacher zu musealen (Online-)Kunstwerken kommen Sie auf http://www4.vc-net.ne.jp/~klivo/soft/mondrian.htm.



Klicken Sie bei der "schicken" Mondrian-Vorlage auf eines des Kästchen, und augenblicklich erhalten Sie ein neues Rechteckkonstrukt mit neuen Wahlmöglichkeiten. Das ließe sich dann endlos fortführen, wenn es nur nicht so langweilig wäre.


Deutlich mehr Spaß verspricht der Picasso-Generator: Auf eine leere (virtuelle) Leinwand platzieren Sie mit der Maus eine Gesichtskontur, Nase, Augen und so fort aus einer Liste mehr oder weniger passender Vorlagen. Könnte zumindest für ein paar Minuten von stupiden Büroarbeiten ablenken - funktioniert aber nicht (zumindest bei mir nicht). Sollten Sie es hinbekommen: Schicken Sie mir doch einen Screenshot. Die besten Einsendungen werden (wie immer) veröffentlicht (irgendwann).


10. August 2006
Wie viel Kunst steckt in einer Radierung?

Hat Auflagenkunst (etwa Lithographien, Seriegraphien, Radierungen, Guss-Skulpturen) eine Berechtigung neben der Unikat-Kunst? Zugegeben, eine selten dämliche Frage, zu der ich mich ja schon im März ausführlich geäußert habe. Die Kurzfassung: Folgt man der Meinung einiger (leider führender) Galeristen und Kritiker, hätte ein Großteil des Werkes von Polke und Anderle nicht den geringsten Stellenwert, die phantastischen Radierungen von Böttger hätten es nie zum Tipp des Monats gebracht und Rizzi wäre nie steinreich geworden (das aber würde mich am wenigsten stören).

 

Logo der Londoner Frieze Art Fair   Grafiken unerwünscht: Die Londoner Frieze Art Fair zeigt
       keine Auflagenkunst mehr


Neu entfacht wurde dieser blödsinnige Diskurs nun von den Veranstaltern der Frieze Art Fair, einer bedeutenden Londoner Kunst-Messe (12. - 15. Oktober). Erstmals werden dort ausdrücklich keine Auflagenobjekte zu sehen sein. Zu deutsch: keinerlei Grafiken.

 

Die Galeristen beschränken sich auf Unikate, um ausschließlich das zahlungskräftige Publikum zu bedienen. Eine Ohrfeige für Künstler und Interessenten gleichermaßen. Dass mit dem angehobenen Preisniveau der Exponate auch die Besucher- und Käuferzahlen schwinden werden, scheint den Galeristen egal. Lieber ein Gemälde von Damien Hirst verkaufen als 15 seiner Lithographien - so die Devise. Dass fast jeder Sammler den Einstieg über die günstigen Auflagenobjekte findet, spielt anscheinend keine Rolle. Mag sein, dass man Kunst hoch halten sollte, aber bitte nicht so hoch, dass keiner mehr dran kommt.


9. August 2006
Sommerschlussverkauf bei ebay

Nach dem Urlaub komplett abgebrannt bedeutet nicht, dass man unweigerlich auf den Kauf von Bildern verzichten müsste.
 

"Eva" von Larysa Menshykova bei ebayIm von mir viel gescholtenen Kunstmarkt bei ebay versteckt sich bei genauerem Hinsehen auch das ein oder andere attraktive Angebot.

 

  "Eva" von Larysa Menshykova, Acryl, 80 x 100 cm,
        ab rund 80 Euro bei ebay
     

 

Für das Kinderzimmer geeignet sind die naiven Bilder der Russin Larysa Menshykova. Klar, die Dame ist nicht virtuos, aber ihre Bilder sind (größtenteils) recht dekorativ und machen sich auch in Meetingräumen oder Zahnarztpraxen recht gut.

Zudem liegen die Preise mit 80 bis 100 Euro in einem erträglichen Rahmen. Apropos Virtuosität: Nicht kinderzimmertauglich sind die Motive des verstorbenen Malers Klaus Böttger. Großartige Portraits! Bei ebay bekommen Sie einige (auch recht seltene) Radierungen für nicht einmal 100 Euro. Das reicht für den Tipp des Monats im August.


7. August 2006
Wer will die nackte Yvonne Wussow?

Klausjürgen Wussow, ehemals Glottertaler Chef-Arzt, dem die Frauen vertrauten, leidet nicht nur unter Geldmangel, sondern auch unter Demenz. Derzeit unter obskuren Umständen in eine Berliner Klinik eingeliefert, muss er glücklicherweise nicht mit ansehen, wie seine pseudo-künstlerischen Ergüsse bei ebay unter den Hammer kommen. Beispielsweise ein Akt seiner Ex-Frau Yvonne, der tiefe Einblicke gewährt.

 

Original von Klausjürgen Wussow: Die nackte Ex-Frau Yvonne   Unikat aus der Schwarzwaldklinik: Yvonne Wussow bereitet
      sich auf die Blutdruckmessung vor...

 

5000 Euro beträgt das Startgebot für das Unikat. Das Interesse ist allerdings recht mager. Was man Wussow zu Gute halten darf: Seine künstlerischen Gehversuche waren wohl eher privater Natur. Das unterscheidet ihn von anderen B-Promis, die glauben, wer in den den 70er Jahren zwei Platten verkauft hat oder einen 5-Minuten Auftritt in einer Fernsehshow hatte, sei per Definition auch ein begnadeter Maler. Bei ebay finden sich zuhauf Beispiele solcher Fehllei(s)tungen.

 


Neben abgehalfterten Schauspielern und Schlagersängern greifen selbst ehemalige Fußballnationalspieler zum Pinsel. Peinlichkeiten dieser Art werden mit dem Flop des Monats bedacht.


1. August 2006
Was verdienen freischaffende Künstler?

Dass sich die Top-Garde der deutschen Maler wie Immendorff, Richter, Polke, Meese, Rauch oder Kiefer dumm und dämlich verdienen, darf man zurecht annehmen. Der weitaus größere Teil aber lebt von der Hand im Mund - und das gilt auch für Künstler, die bei einer oder mehreren Galerien vertreten sind. Das mittlerweile runderneuerte Gruner & Jahr Blatt "Art" (fein geworden!) widmet sich dem Thema im aktuellen Editorial.

 

Zeitschrift "Art" aus dem Gruner & Jahr-Verlag   Gruner & Jahr-Blatt "Art"

 

"Unlängst hat eine Erhebung der Künstlersozialkasse, bei der die meisten Kulturarbeiter in Deutschland Mitglied sind, ergeben, dass das monatliche Durchschnittseinkommen der Versicherten 901 Euro beträgt. Künstler haben gelernt, dass sie Lebenskünstler sein müssen, um durchzukommen. Nebenjobs (etwa "Werkstattarbeiten" für erfolgreiche Künstler, Aushilfen bei Galeristen und Sammlern - aber auch völlig kunstfremde Jobs sind die Regel), aber auch Querfinanzierung über Gatten, Tante oder Eltern sind zumindest phasenweise üblich. Es ist ein selbst gewähltes Schicksal wie die aktuelle Studie der Universität Bonn zeigt. Künstler tauschen ganz bewusst Freiheit gegen Sicherheit".

 

Dass sich die armen Schlucker damit in bester Gesellschaft mit Van Gogh (der zu Lebzeiten nicht mal eine Handvoll Bilder verkaufen konnte) oder Mondrian (der wegen Armut am Ende sein Gesamtwerk für umgerechnet ein paar Tausend Mark verschleudern musste) befinden, mag für den Künstler kein Trost sein. Aber ein Anreiz für alle Interessenten, auch mal ein paar Euro in das Werk eines Unbekannten zu investieren. Und origineller (respektive: "originaler") als Druckgrafiken von Picasso oder Dali sind die Unikate von Karmers, Valentin Rusin, Ulla Wobst und den anderen Künstlern im Tipp des Monats allemal.


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