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Archiv - April 2006

Hier lesen Sie alle Einträge vom April...
 

27. April 2006
Oddset-Flair bei Sotheby's

Keinen Bock mehr auf Bundesliga-Ergebniswetten, well Herr Hoyzer noch immer einflussreiche Freunde unter den Schiedsrichtern hat und "Schweinis" Eigentor in Bremen vielleicht doch kein Zufall war? Dann können Sie ab sofort auf Auktionsergebnisse bei Sotheby's und Christie's zocken und so direkt beim Millionengeschacher mitfiebern.


Vincent Van Gogh - L'Arlésienne, 1890
  Am 1. Mai kommt dieser Van Gogh unter den Hammer  -  Sie können auf das Endgebot wetten. 


Das Wettforum WinUnited.com hat zusammen mit der Zeitschrift Art Investor diese längst überfällige Idee ins Leben gerufen. Am 1. Mai kommt bei Christie's ein Van Gogh (L'Arlésienne, Madame Ginoux) von 1890 unter den Hammer. Auf vier Ergebnisse können Sie tippen: unter 40 Millionen, 40 - 50 Millionen, 50 - 60 Millionen und über 6o Millionen US-Dollar. Für einen Euro Einsatz werden im Erfolgsfall knapp 4 Euro Gewinn ausgezahlt. Eigentlich ganz ordentlich, allerdings nimmt sich der Veranstalter das Recht heraus, die Quoten kurzfristig zu ändern.


Experten schätzen den Wert des Ölgemäldes auf etwa 40 bis 60 Millionen US-Dollar. Könnte aber deutlich höher liegen, wenn beispielsweise Paul Allen mit von der Partie ist. Einen Tag später wechselt bei Sotheby's ein Picasso den Besitzer. Und am 23. Mai wird ein Selbstportrait von Frida Kahlo versteigert. Beide Auktionen finden Sie im Wettangebot von WinUnited irgendwo zwischen Snooker, Cricket und Eurovision Song Contest. 

 

24. April 2006
Der Meister und seine Mama

Dunkle Trainingsjacke (3-Streifen, spannt über dem Bauch) und schwarzer Haarwulst, der das blasse Gesicht umrahmt: So sahen vor 20 Jahren CVJM-Jugendleiter aus. Heute ist es das Markenzeichen des größten Shootingstars der internationalen Kunst-Szene: Jonathan Meese, Jahrgang 71, ledig, Maler, Performance-Künstler, Bildhauer, Bühnenbildner und Schauspieler.

Portrait - Jonathan Meese   Optisch ein bisschen Helge Schneider, ein bisschen Jesus-Double: Jonathan Meese


Zwar hat der in Japan geborene Meese auch einen Hamburger Hörsaal von innen gesehen, er versteht sich aber als Autodidakt. Der akademische Kunstbetrieb ist ihm ein Gräuel. Das betont er gerne und bei jeder Gelegenheit. Er nimmt keine Preise an und will keinen Lehrstuhl. Dennoch oder gerade deswegen ist er der Prototyp des intellektuellen Eigenbrötlers. Mit Vorliebe betitelt er seine Ölbilder anhand skuriller Wortschöpfungen. So zwingt er den Betrachter, sich mit den Motiven auseinanderzusetzen, egal wie ätzend die zunächst daherkommen. Meese portraitiert sich in Diktatorenpose mit Trainingsjacke. Er malt Faschos, Soldaten und jede Menge mythologische Figuren. Das könnte witzig oder moralisch sein. Meist wirken die Sachen aber vor allem düster und verstörend.

Dennoch umwerfend gut - meint die internationale Kunstszene. Als Performance-Künstler wird er mit Beuys verglichen, als Maler mit Baselitz. Er hat(te) Ausstellungen in der ganzen Welt (unter anderem in der Tate Modern, London), arbeitet mit etablierten Größen wie Immendorff (Malerei) oder Castorf (Theater) zusammen und wird von Art-Facts im Ranking international gefragter Künstler bereits unter den Top 250 gelistet - Tendenz steigend.
 

Werksschau Jonathan Meese - "Mama Johnny" in HamburgWerksschau von Jonathan Meese ab 30.4.2006 in Hamburg   


Dass Meese komplett durchgeknallt ist, hat seinen rasanten Aufstieg nicht gebremst. Er lebt noch immer bei Mama (die ihn auch managt), meidet Bekanntschaften mit Frauen und Drogen und hat sich als Außenseiter seine eigene Realität zwischen Wagner-Opern und Kubrick-Szenarien zusammengebraut. Er gilt als bescheiden und freundlich und soll - so sagt man - sogar miese Tintenstrahl-Kopien seiner Lithographien signieren, sofern er einem Fan eine Freude damit machen kann.

In Hamburg startet am 30. April unter dem Titel "Mama Johnny" die erste große Retrospektive in Deutschland mit insgesamt 150 Gemälden, Skulpturen, Fotos und Installationen. Falls Sie dort sind und einen dicken Zottelbär in Trainingsjacke sehen, lassen Sie sich die Eintrittskarte signieren. Dieses Autogramm könnte bei ebay in einigen Jahren hundert Euro bringen. Seine Bilder sind schon jetzt unbezahlbar.
 

18. April 2006
Ach wie gut, dass niemand weiß...

Egal, wie mies das Bild ist, sofern es keine Signatur hat, lässt es sich prima einem großen Namen zuschreiben: das eiserne Gesetz der ebay-Abzocker. Als Voraussetzung dafür gilt, dass sich der Anbieter zumindest ein paar Minuten mit dem Stil, der Technik und dem Motiv auseinandersetzt und einen möglichen Kandidaten aus seinem Kunstlexikon herausfischt.
 

Cowboys am Strand - gleich 2 berühmte Künstler kommen als Erzeuger in Betracht... Na, wer hat's gemalt? Cézanne? Renoir? Monet? 


 

 

Keinen Bock auf so viel Stress hat ein Verkäufer aus Brüssel, der aber dringend Geld braucht. Nicht nur ein Altmeister, sondern gleich zwei sehr berühmte Maler kämen als vermutliche Erzeuger seines Ölbildes in Betracht. Welche das sein sollen, bleibt (s)ein Geheimnis. Das Bild soll für sich sprechen. Tut es aber nicht. Die beiden Cowboys am Strand (einer mit einem Topf in der Hand, der andere hält eine Wünschelrute) blicken dümmlich von der Leinwand. Der belgische Anbieter nennt das "metaphysisch".

Übrigens: Das Gemälde steht bereits zum zweiten Mal auf der ebay-Liste. Startpreis dieses Mal: 999 Euro. Das sind immerhin rund 400 Euro weniger als beim ersten Versuch Anfang April.
 

14. April 2006
Oster-Shopping bei ebay 

Lithographie von Klaus Böttger    Lithografie von Klaus Böttger, lief am 17.4.2006 aus (und gehört jetzt mir...)


In aller Kürze: Es ist kein Zufall, dass gewöhnlich die meisten ebay-Auktionen am Sonntag Abend enden. Zwischen Lindenstraße und Tatort macht der Deutsche am liebsten seine Online-Geschäfte. Dass sich bei dem miesen Oster-Wetter ungleich mehr Interessenten auf die Kunst-Angebote stürzen werden, haben vor allem die kommerziellen Anbieter fest im Kalkül. Zwischen Freitag und Montag Abend laufen dreimal mehr Auktionen aus als an einem gewöhnlichen Wochenende. Und dabei sind wirklich großartige Sachen, die eben nicht jeden Tag auf der Liste stehen. Finde ich jedenfalls. Allerdings dürften auch die Endpreise ziemlich hoch sein.
In perfektem Marketing-Slang verpackt finden sich auch wieder haufenweise "faule Eier". Beispiel: Unter dem Label "Original Marc Chagall - Echtheitszertifikat" wird eine Farboffsetlithographie (!) angeboten, die zwar limitiert und signiert (im Druck!?) ist, aber dennoch als Kopie einzustufen ist. Derzeit steht das Bild schon bei Schwindel erregenden 400 Euro. Wohl bekomm's.
 

Vier Kunstdrucke  -  ab 18.4 bei Lidl....Lidl verkauft ab 18.4 vier Kunstdrucke für rund 6 Euro  ►


Wem das alles zu teuer wird, der soll sich bis Dienstag gedulden. Dann nämlich steigt die Supermarkt-Kette Lidl in den Kunstmarkt ein. OK, die vier Prints sind weder originell, noch umwerfend schön. Aber österlich bunt und billig. Und ich verwette einen Hoden darauf, dass sich die vier Dinger bei ebay für das Doppelte wieder verkaufen lassen.
 

10. April 2006
Die volle Wahrheit über Wohnbeispiele

Zu den verlogensten Druckerzeugnissen seit Gutenberg gehören Möbelhaus-Kataloge. Egal, ob die guten Stücke "Sören", "Ole" oder einfach nur "Schrankwand Buche" heißen, im Einrichtungsheftchen wirken die einfach schick. Weil sie klasse fotografiert wurden. Und weil Designer-Schnick-Schnack im Hintergrund die Sachen perfekt in Szene setzt. Weil die Wände Bordeaux-farben ("mediterran") gestrichen sind und der Sonnenschein durch ein scheunentorgroßes Fenster fällt und den ganzen Raum weich zeichnet.

"Wohnbeispiel" heißt der Psycho-Trick. Ich bin nicht der einzige, der immer wieder darauf hereinfällt.

Eine Hinterhältigkeit, die sich nun auch zahlreiche Galeristen zunutze machen. Vor allem bei ebay. Im passenden Ambiente verwandeln sich auch die lausigsten Ölgemälde zu musealen Meisterwerken. Cleverer Verkaufstrick? Nicht nur.

Erstens findet eine künstlerische Kastration statt. Das Bild wird kurzerhand zum Einrichtungs-Add-on degradiert. Zweitens harkt es an den dargestellten Wohnsituationen. Buntes Bild über weißer Couch vor weißem Tisch mit weißer Vase ist selbstverständlich ein Eye-Catcher, aber doch reichlich weit weg von der deutschen Wohnzimmer-Realität. Ich kennen jedenfalls keinen, der in einer Luxus-sanierten Fabrikhalle ohne Möbel lebt.

Um Ihnen Enttäuschungen beim Bilderkauf dieser Art zu ersparen, habe ich keine Mühen gescheut und fünf tolle Gemälde aller Preisklassen mit realen Wohnsituationen verknüpft.

 

Fieses Akt-Bild, häufg bei ebay im Angebot...                          Radierung von Ernst Fuchs                               Zeichnung von G. Helnwein 

1. Erotik im                                                 2. Ernst Fuchs im                                          3. Helnwein im
Wohnzimmer                                              Schlafzimmer                                                Kinderzimmer

Wohnbeispiel                                          Wohnbeispiel                                            Wohnbeispiel

 

  Action Painting von Jackson Pollock                            Vincent Van Gogh - Sonnenblumen                              3D-Bild von James Rizzi

4. Jackson Pollock                                        5. Van Gogh                                                     6. 2 Rizzi-Bilder
in der Küche                                                   im WG-Zimmer                                                im Meeting-Raum

Wohnbeispiel                                             Wohnbeispiel                                              Wohnbeispiel

 

6. April 2006
Kunst vom Kiez

Karmers - "Matrosen, nasenblutend", Aquarell 1998    Karmers - "Matrosen, nasenblutend", Aquarell, 1998


"Karmers wurde 1966 in Hamburg geboren, lebt auf St.Pauli.
Er genoss dankbar Einblicke in verschiedene Berufsfelder als Fließband-, Metall- und Bauarbeiter, Soldat, Anstreicher, Seemann, Roadie, Türsteher und OP-Helfer in der Knochenchirurgie.
Karmers ist jetzt Künstler.
Auszeichnungen: Keine."

So stellt sich der Maler Karmers auf seiner Webseite selbst vor. Er ist der konsequente Gegenentwurf zum Prosecco-Vernissagen-Kunstbetrieb. Uneitel, selbstironisch und erfrischend gut. Finde ich zumindest und meine, das reicht für den (Geheim-)Tipp des Monats im April.

3. April 2006
Bet and lose

Bislang kannte ich Paul Allen nur als steinreichen Microsoft-(Mit)Gründer. Nun sollte man sich den Namen auch merken, wenn es um Kunst-Mäzene geht. Zwar heißt es auch bei Gates, dass der sein Geld nicht nur für Aktien und Stiftungen ausgibt, sondern auch das ein oder andere Bild kauft, was aber Allen in den letzten 20 Jahren von seinen Kunsthäschern hat zusammenraffen lassen, dürfte Deutschlands vereinigte Kuratorenschaft erblassen lassen: Der MS-Multi besitzt Originale von Monet, Picasso, Gauguin, Van Gogh, Lichtenstein, Renoir und Richter, um nur einige wichtige Vertreter der Moderne zu nennen. Immerhin lässt der gute Mann die Allgemeinheit daran teilhaben und hat nun ein Privat-Museum eröffnet, das sich sicherlich nicht vor staatlichen Sammlungen verstecken muss.
 

Paul AllenKennt sich vermutlich nicht besser aus als ich, hat aber mehr Geld:
                                                                                           MS-GründerAllen
   ►


Dass Allen damit nur einen Kulturauftrag wahrnehmen will, nimmt ihm keiner so recht ab. Eher handelt es sich um eine Gegenfinanzierung zu seiner bestehenden Sammlung an Musiker-Erinnerungen (Gitarren, Klamotten und anderen Kram von Dylan bis Michael Jackson). Die wollte bislang kaum jemand sehen. Jetzt "bundelt" er Dinge, die nichts miteinander zu tun haben - nämlich Eintrittskarten für beide Museen. Hat er den Trick noch bei MS gelernt? Microsoft lässt gerne zusammenwachsen, was nicht zusammengehört, etwa ein Betriebssystem und einen Media Player oder einen Browser... (Auch wieder eine ganz andere Geschichte...).

Wie viele hundert Millionen US-Dollar Allen in Kunst investiert hat, weiß niemand. Sicher aber ist, dass er mit seiner Kaufwut die Preise schön am oberen Limit hält. Und dass er mit seinen Investor-Tentakeln alle Sahnestücke zwischen Grönland und Tasmanien abgreift, die auf teurer Leinwand gemalt und in Katalogen erfasst wurden.

Vielleicht waren es auch seine Schergen, die mir am Sonntag Abend bei ebay in die Suppe gespuckt hat. 13 Sekunden (!) haben mir zum Schnäppchen meines Lebens gefehlt. Angeboten wurde ein surrealistisches Motiv von Anderle. Fast komplette 6 Tage waren User "Dickschwein" (Name von der Redaktion geändert, aber nur ein bisschen...) und ich mit Werkverzeichnis Nr. 151 allein. Habe den Nachmittag bei bestem Wetter vor dem PC rumgelungert, pausenlos den Bieter-Status aktualisiert und sogar 30 Sekunden vor Schluss noch mal von 99 Euro auf bombensichere 124 Euro "upgegradet". Und dann kamen zwischen 17:59:47 und 17:59:57 gleich vier (!) Gebote, die den Ausgabepreis insgesamt fast verdoppelt haben. *Würg*

 

bet and lose bei ebay...    5 Tage, 23, Stunden, 59 Minuten und 47 Sekunden war ich Beinahe-Besitzer einer weiteren Anderle-Radierung


 

 

 

 

 

Na ja, es war eines von insgesamt 70 Blättern. Außerdem hatte es laut Beschreibung "Lagerspuren". Was immer das sein mag. Vielleicht ist ein Gabelstapler drüber gefahren. Nicht, dass ich das dem neuen Besitzer wünschen würde, aber....

... Extralot hat sowieso noch weitere Ausgaben vom gleichen Motiv, die die Online-Galerie sicherlich in den nächsten Tagen bei ebay wieder einstellen wird. Und die werden wieder 4, 5 Tage bei 3,52 Euro stehen und dann abgehen wie eine Rakete. Und ich werde dieses Mal ganz sicher die Füße still halten.
 

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