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Tipp des Monats - April

Was mir gefällt, finden Sie vielleicht grauenhaft. Vielleicht aber auch nicht.
Auf dieser Webseite finden Sie regelmäßig Bilder, die ich mir gekauft habe oder kaufen würde, wenn ich das Geld und noch Platz an den Wänden hätte.

April: Karmers - Kunst vom Kiez

Karmers - Portrait von Walther Rheiner aus dem Zyklus Kokain, ÖL, 70 x 100 cm "Mit meiner Kunst reagiere ich auf die Welt, wie sie sich mir darstellt. Ich bin eine Art Info- und Doku-Messie* (werde sicher irgendwann als toter Opa zwischen alten Zeitungen, Essenresten und toter Katze freigeschaufelt werden...)"

Das sagt Karmers über Karmers.
 

   Karmers - Portrait Walther Rheiner aus dem Zyklus "Kokain", 2004/2005, ÖL, 70 x 100 cm

 

Eine Szene, die ich mir prima als Intro eines Hollywood-Streifens vorstellen könnte: Langsamer Kameraschwenk auf den Boden voller handgeschriebener Aufzeichnungen und Skizzen. An der Wand lehnt eine verstaubte Gitarre neben zahllosen, unverkauften Ölbildern (deren Wert sich natürlich erst der Nachwelt erschließt...). Und dann folgt der filmische Rückblick auf das Leben eines Malers, der chronisch pleite ist, sich konsequent den Regularien des Kunstbusiness entzieht und fast unbemerkt von der Öffentlichkeit großartige Gemälde schafft.

Die Kulisse ist klar: St Pauli. Da kommt er her, da leben seine Motive. Für den Schuss Romantik sorgt das heruntergekommene Tanzcafé Karmers, einst Bühne für halbprofessionelle Bands und Zufluchtsort der Hamburger Nachtwelt – heute eine Müllkippe. Karmers erweckt das wieder zum Leben. In Hamburg, im Internet und mit seinen Bildern: Die Themen seiner früheren Arbeiten – geprügelte Matrosen, schräge Typen, Huren und große und kleine Verlierer – versieht er mit feiner Ironie. Das erinnert manchmal an Helnwein, manchmal an Titanic-Karikaturen. Und fast immer an das Hamburg-Bild, das sich im Kopf festsetzt, wenn man mehr als nur ein paar Stunden "auf" St. Pauli war.

Szenenwechsel ergeben sich bei seinen Aufenthalten in Leipzig, Berlin und London. Ab 2001 stellt er zyklische Arbeiten aus. In Leipzig präsentiert er Portraits von Musikern, Politikern und Dichtern (Kohlezeichnungen), die er für knapp 50 Euro selbst verkauft. In Berlin stellt er ein Jahr später farbige Portraits (Pastellkreide) von jungen Frauen vor, die von den Nazis vergast wurden. Zu sehen waren die Zeichnungen in S-Bahnen (Linienverkehr, keine verkappten Galerien).

Spätestens ab diesem Zeitpunkt werden seine Bilder ernst und eindringlicher. Den Höhepunkt seines bisherigen Werkes bilden sicherlich die zwölf dem Dichter Walther Rheiner gewidmeten Ölgemälde aus den Jahren 2004 und 2005. Die Serie trägt den Titel "Kokain", und jedes Bild ist mit lyrischen Texten von Rheiner versehen. Karmers würdigt den Dichter und dessen (kurzen) Lebens- und Leidensweg mit großer künstlerischer Hingabe. Seine expressionistischen, teilweise informellen Motive sind gleichermaßen berauschend und verstörend.

Wie das Ganze jetzt weiter geht? Keine Ahnung. Fragen Sie Karmers selber. Der ist ganz umgänglich. Vielleicht wird er als Neo-Expressionist entdeckt, kauft sich eine Villa in Blankenese und zieht 2014 für die CDU in den Senat ein. Vielleicht verwandelt er sein Tanzcafé in Deutschlands größte Techno-Disco. Oder er vertreibt Bio-Leberwurst aus eigener Schlachtung. Angesichts seiner Vita kann man nichts ausschließen. Ist wohl auch egal. Wäre nur schade, wenn er nicht mehr malt.

Preise: Uneitel wie seine Selbstdarstellung sind auch seine Preise. Zeichnungen gibt es bereits zum "Supermarktangebot" von 49,99 Euro. Ölbilder und großformatige Zeichnungen kosten um 750 Euro. Dass sich der Marktwert seiner Bilder in kurzer Zeit verzehnfachen kann, halte ich durchaus für möglich. Darauf wetten würde ich aber auch nicht.
 

*Karmers hat alle Bilder seines Zyklus "Death on the Hood" rückseitig collagenartig mit Fotos, Skizzen und sonstigen Materialien beklebt, die er als "Messie" im Laufe der Zeit gesammelt hat.
 

Homepage Karmers
 


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