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Archiv - September 2006

Hier lesen Sie alle Einträge vom September...
 

29. September 2006
Teuer

Ein paar (alarmierende) Zahlen zum Wochenende: Die von mir erwähnten Hitler-Aquarelle wurden am vergangen Dienstag nicht zu den ursprünglich erwarteten 30 000 Euro verkauft - sondern zu Spitzenpreisen von bis zu 170 000 Euro - pro Bild wohl gemerkt! Für das Geld könnte man sich im Saarland ein schönes Haus kaufen. Das aber nur nebenbei, denn ich persönlich will weder ein Hitler-Aquarell noch ein Häuschen im Saarland.

Jetzt aber Schluss damit und zu einem ganz anderen Thema:
 

Picasso - Frau mit Hut, Linolschnitt, 1962  Picasso - Frau mit Hut, Linolschnitt, 1962

 

Die Zeitschrift Art hat Einzelheiten zur Versteigerung im Münchner Haus der Kunst veröffentlicht. Sie erinnern sich? Die Depot-Werke werden am 9. und 10. Oktober in München verzockt. Auch das wird nichts für den schmalen Geldbeutel. Eine Zeichnung von Toni Stadler hat den kleinsten Ausrufpreis mit 500 Euro. Gerhard Richters Dschungelbild von 1971 soll demgegenüber für 400 000 bis 600 000 Euro einen neuen Käufer finden.


Deutlich weniger dürfte Picassos "Frau mit Hut" bringen - ein Linolschnitt aus dem Jahr 1962. Zudem werden Werke von Otto Dix, Miró und Karl Hofer verzockt (um nur einige große Namen zu nennen). Insgesamt kommen mehr als 1140 Exponate unter den Hammer.


27. September 2006
Schwanzmalerei

Künstler mit mäßigem Talent gibt es wie Sand am Meer. Wer dennoch in die internationalen Schlagzeilen kommen will, muss sich etwas Besonderes einfallen lassen. Der Australier Tim Patch weiß, wovon ich rede.
 

Patch - Lady in White Hat, Acryl, 2006   Lady mit weißem Hut, Acryl, 2006 (300 Australische Dollar)

 

Zahlreiche Beiträge wurden ihm weltweit gewidmet - allerdings nicht in Kunstzeitschriften, sondern vorwiegend in Herrenmagazinen. Unter dem Pseudonym "Pricasso" malt Patch Portraits und benutzt dabei sein bestes Stück als Pinsel. Das glaubt ihm erst einmal niemand, deswegen lässt er sich beim "Schaffensprozess" filmen. Auf Wunsch können Sie ihn auch als Party-Highlight mieten und der "Schwengel-Art" live zusehen. Das kostet so um die 100 Australische Dollar, je nach zeitlichem Aufwand.

 


Patch ist auch ein gern gesehener Interview-Gast in Boulevard-Sendungen. Allerdings gilt das allgemeine Interesse dann weniger seinem Kunstverständnis als der Technik. Wie kommt die Farbe drauf? Wie geht sie wieder ab? Was passiert, wenn sie trocknet und hart wird? Jede Antwort ein garantierter Kalauer...

Eine Internet-Galerie hat Pricasso auch schon. Das aktuelle Angebot an Genital-Bildern (die kosten je 300 Dollar) ist aber sehr überschaubar. Neben dem oben dargstellten Gemälde steht noch ein Portrait von George W. Bush zum Verkauf. Dass er den mit seinem Schwanz abgebildet hat, erscheint ausnahmsweise plausibel.
 

25. September 2006
Hitler-Bilder werden in England versteigert

Die Zahl der deutschen Ferngespräche nach GB dürfte am morgigen Dienstag merklich ansteigen - nicht nur aus dem Bundesland Mecklenburg Vorpommern.

Dann nämlich versteigert das englische Auktionshaus Jefferys mehr als 20 Aquarelle und Zeichnungen von Adolf Hitler - alle signiert. Alt- und Neo-Nazis können weltweit (und weitgehend anonym) per Telefon bieten. Dass der braune Mob ungehindert sein Inventar an Fascho-Fetischen aufstocken kann, ist ein Skandal. Dass das Auktionshaus den millionenfachen Mörder auf eine Stufe mit angesehenen Künstlern stellt, ist unerträglich. Ein Kommentar dazu im neuen Flop des Monats.


19. September 2006
Sammelwut (Walters Museums-Spaß)

Den Namen Ignaz Walter kennen Sie vielleicht aus der Wirtschaftspresse. Der ehemalige Patron der Walter Bau AG aus Augsburg meldete im Februar 2005 Insolvenz an, nachdem er kurz zuvor seinen Posten als Aufsichtsratvorsitzender räumen musste - auf Druck der Banken und Anleger. Das kratzt an der Eitelkeit, finanziell wird es der Baulöwe verschmerzen können. Sein Vermögen wird auf mindestens 700 Millionen Euro geschätzt.

Warum ich das erzähle? Weil Walter und ich uns ähnlicher sind, als man glauben sollte. In Sachen Kunst wohlgemerkt. Walter sammelt Bilder und Glaskunst. In Augsburg hat er ein Privatmuseum eröffnet, das auf ein dezentes Missverhältnis von Sammlertrieb und Sachverstand schließen lässt. Und das finde ich wirklich sympathisch! Denn mir ging es ja genauso - beispielsweise beim Kauf der beiden ätzenden Dalí-Holzschnitte. OK, ich habe nur ein paar Hundert Euro investiert und die beiden Dinger nach nur einem Tag zurückgegeben. So etwas hingegen würde Walter wohl nicht machen. In seinen Fabrikhallen-großen Ausstellungsräumen findet man alles - bis auf ein Konzept. Zunächst sind da die Nachkriegs-Größen der deutschen, expressiven Malerei vertreten: Lüpertz, Immendorff, Baselitz, Heisig, Penck, dazu die "Stars" wie Gerhard Richter und Polke Tadeusz, Bisky und Leiberg. Die Genannten untereinander wären stimmig und würdevoll (obwohl es sich in einigen Fällen um eher belanglose Motive handelt, wie man mit einem Blick auf die Richter-Miniaturen unschwer festestellt). Angemessen - und vielleicht ein bisschen langweilig wäre das.


Kunstmuseum Walter in Augsburg
  Homepage des Kunstmuseums Walter in Augsburg

 

Aber Eintönigkeit kommt nicht auf - eher Kirmes-Flair. Denn die gesamte Meister-Sammlung wird durch die unglaubliche  Masse an handverlesenem Kitsch karikiert. Ein Riesenspaß für den Betrachter sind die Bilder von C. Schenk und die Portraits von Gisela Franz-Osterwald. Dass deren Motive so eng aneinander hängen, dass nicht einmal ein Papierschnipsel mit dem Titel dazwischen passt und die Gemälde zu einem einzigen, undefinierbaren Flickenteppich verschmelzen, könnte ein Hinweis darauf sein, dass Walter durchaus mit Humor an die Sache geht.
 

Für diese Theorie spricht auch das Vorwort seines Ausstellungskataloges.
Darin schreibt er:

"Niemand, auch wirklich niemand  - auch nicht die so genannten Experten - verfügen über die alleinige Wahrheit in Sachen Kunst. Stundenlang könnte man diskutieren über den Sinn und die Qualität von Kunst und Kunstwerken."

Wohl wahr. Und nach dem Besuch dieser Ausstellung noch ein bisschen länger.

"Wie erfahrenen Menschen hinlänglich bekannt ist, lauern in unserer Gesellschaft die Kritiker immer und überall. (...) In diesem Sinne würde es mich sehr freuen, wenn Sie bei Inaugenscheinnahme meiner Kunstsammlung positive Gefühle bekämen und auch Spaß oder sogar ein bisschen Freude hätten."

Wer in der Nähe von Augsburg ist, sollte sich den von Walter angesprochenen Museums-Spaß nicht entgehen lassen. Im Untergeschoss des Glaspalastes ist eine Zweigestelle der Münchner Pinakothek der Moderne (derzeit mit Motiven von Rauschenberg, Warhol und Motherwell) - der Unterhaltungswert im ersten Stock "bei Walter" ist aber aber sicherlich noch ein bisschen größer.


15. September 2006
Mona mal 6

Die Mona Lisa stammt von da Vinci und hängt im Louvre. Weiß man doch. Das steht in jedem Kinderlexikon und würde bei Jauch nicht mal den Stoff für die 100 Euro-Frage liefern. Aber ist es auch die echte? Das wird tatsächlich diskutiert - und zwar heftig und mit Inbrunst von den Menschen, die glauben, sie besitzen das Original. Hintergrund: 1911 soll gerüchteweise das berühmte Gemälde aus dem Louvre gestohlen worden sein. Wegen eben dieser Peinlichkeit habe sich das Museum entschlossen, ein Replikat aufzuhängen. Das, so meinen einige Sammler und (Pseudo-)Experten, hänge noch immer da und werde täglich von zig Tausenden bestaunt. Das wäre theoretisch sogar denkbar. Auch im berühmten Madrider Prado hängt eine Replik.

 

Mona Lisa Kopien bei ebay   Mona Lisa - billig und häufig bei ebay zu haben

Das Original - oder zumindest die bedeutende Erstfassung des berühmten Motivs - wollen gleich sechs unterschiedliche Kunstfachleute besitzen. Eines davon hat ein Antiquitätenhändler angeblich 1944 bei einem Trödler in Frankreich billig eingekauft. Glaubwürdiger ist da schon die Variante der Vernon-Familie, die nachweislich Originale einiger namhafter Renaissance- und Barockmaler besitzt, darunter angeblich auch Bilder von Da Vinci.



Deren Mona Lisa kam 1995 für 552 500 Dollar bei Sotheby's unter den Hammer. Der Käufer blieb anonym. Der prominenteste Besitzer der "echten" Mona aber ist Henry F. Pulitzer (genau, der Namenspate für den legendären Preis...). Der hat das Bild 1962 erworben und bis zum Schluss darauf gepocht, dass die Pariser lediglich eine "billige" Kopie ausstellen.

Apropos billig: Kopien der Mona Lisa in Öl können Sie bei ebay zuhauf und in allen Preisklassen finden. Und wenn Sie das Bild bei 150 Grad für 2 Stunden in den Backofen legen (gibt kleine Firnis-Risse) und sich eine abenteurlich-abstruse Geschichte zum Erwerb zurechtlegen, können Sie vielleicht im Streit um das Original ein Wörtchen mitreden.


12. September 2006
Deutschland sucht den Super-Maler (DSDSM)

In pathetisch-ausholenden Bewegungen schmiert ein schwitzender Typ mit Pferdeschwanz schwarze Balken auf eine Leinwand und murmelt wirres Zeug. Wenige Meter davon entfernt sitzt das Tribunal eng zusammen auf einer Ledercouch. Drei ältere Herren und eine junge Frau (gut aussehend). Alles publicitygeile Typen, die verächtlich das Kunstwerk mustern und leise das vernichtende Urteil vorformulieren. Immendorff könnte dabei sein, dazu ein Kunstprofessor aus Bielefeld oder Magdeburg, die Moderatorin eines Kulturmagazins bei ARTE und natürlich Dieter Bohlen (der darf nicht fehlen). Und das alles vor einem Millionenpublikum, denn RTL überträgt live unter dem Motto "Deutschland sucht den Super-Maler".
 

Die acht Kandidaten der US-Serie Artstar   Wollen US-Super-Künstler werden:
       Die acht Kandidaten der TV-Serie Artstar

 

Völlig beknackte Vorstellung? Nicht bei den Amis. In der neuen Reality-TV-Serie Artstar kämpfen acht (Pseudo-) Künstler um einen Auftritt beim amerikanischen Top-Galeristen Jeffrey Deitch.

 


Seit dem ersten Juni berichtet der Privatsender Gallery HD live von den künstlerischen Gehversuchen der "Nachwuchs-Stars" - jeweils in 15 Minuten-Einheiten.

So abstrus - (und langweilig, wegen fehlender Big-Brother-Eklats) - diese Inszenierung sein mag. In den USA hat sie bereits Wirkung gezeigt. Die Bereitschaft, sich mit Kunst auseinanderzusetzen, hat deutlich zugenommen. Allerdings nur bei den acht Kandidaten. Das TV-Publikum hat den Kunst-Kick noch nicht für sich entdeckt. Schade, oder?


8. September 2006
So wertvoll wie ein kleiner Porsche

Soll noch mal einer behaupten, bei ebay würde nur billiger Plunder angeboten. Ganz aktuell steht ein Helnwein auf der Liste - und zwar ein Original (also Unikat!) aus der James Dean-Serie. Das Gemälde hat die raumgreifenden Maße von 250 cm x 150 cm. Und der Verkäufer setzt den Startpreis auf unbescheidene 99 999,00 Euro.

Dass der Anbieter bei ebay mit dem durchaus wertvollen Gemälde etwas deplaziert ist, war ihm wohl schon bewusst, als er das Kunstwerk eingestellt hat. Anders lässt sich der unfreiwillig-komische Begleittext kaum erklären.

 

Helnwein - James Dean, 1991, 230 x 150 cm   Helnwein - James Dean, 1991, 230 x 150 cm derzeit bei
        ebay für rund 100 000 Euro zu haben

 

Auszug aus der Beschreibung:

"(...) Ein sehr beachtliches und beeindruckendes Bild. Auf dem kommenden Bild sitzt der Maler Gottfried im Atelier auf seiner Burg vor dem Bild und malt an diesem Bild. Da sieht man, dass es ein sehr großes Bild ist. 230 x 150 cm.
Beeindruckend bringt dieses Bild rüber, wie allein man im Grunde genommen ist. Es hat eine eigene "Seele", die von dem Maler reinerschaffen wurde. Es springt ein geistiger Blitz aus diesem Bild und setzt einen in Entzücken und Erstaunen. Von Helnwein kann man keine Bilder am Markt kaufen, denn die Sammler verkaufen keines. Daher gibt es keinen Helnweinmarkt, da die Sammler so steinreich sind, daß sie sich von ihren Bildern im Grunde genommen nicht trennen.

(...) Dieses Bild von James Dean ist im Grunde ein Museumsbild und wird irgendwann einmal in einem der berühmten Museen der Welt hängen. Es braucht eine große Wand und kann dann den Betrachter verzaubern. Nun der Preis sieht etwas mächtig aus, aber im Grunde ist er weniger als ein Porsche und den kann man an jeder Ecke sehen. Es ist eine tolle Chance einmal an einen HELNWEIN zu kommen und dann noch an einen, der irgendwann einmal in einem Museum hängen wird. (...)"

Schön gesagt, lieber ka****, aber allein des Textes wegen verstehe ich jeden, der sich dann doch lieber einen Porsche anschafft.


5. September 2006
"Sie haben Post"

Etwas mehr als sechs Monate mache ich nun diese Seite schon - lang durchgehalten, wenn man bedenkt, das ich mich ursprünglich für den ganzen Kram überhaupt nicht interessiert habe. In dieser Zeit hat sich natürlich meine Sichtweise zur Kunst verändert - auch diese Seite ist "gewachsen". Nicht, dass ich mich an dieser Stelle als geläuterten Connaisseur verkaufen wollte - das würde mir eh niemand abnehmen, der mich kennt - aber ein paar allzu alberne Floskeln habe ich aus dem Vorspann und den Texten gestrichen. Der Grund: Mittlerweile bekomme ich doch verhältnismäßig viele Mails, die sich (man höre und staune) einigermaßen ernsthaft mit den Beiträgen auseinandersetzen.

 

Chritine Rieck-Sonntag: "Hello Wolrd" aus dem Zyklus   Christine Rieck-Sonntag: "Hello World" aus dem Zyklus
      "Rosen für Ilse"

 

 

Richtig rührend wird es, wenn mich Leute um die Schätzung ihrer Erbstücke bitten. Das ehrt mich, aber fragt besser jemanden, der sich tatsächlich damit auskennt. Vielleicht hilft ja schon die Link-Liste weiter, um an die passenden Adressen zu kommen. Wesentlich ergiebiger finde ich den Diskurs mit Galeristen und Künstlern. Vor allem mit Igo Kirchlechner von ShopArt hatte und habe ich einen fruchtbaren Gedanken-Austausch: Spannende Geschichten über die Künstler seiner virtuellen Galerie!

 

 

Er hat auch den Kontakt zu Christine Rieck-Sonntag hergestellt, die mich mit ihren expressionistischen, einfühlsamen Bilder-Geschichten begeistert hat und der ich nun den Tipp des Monats widme.


1. September 2006
Sei doch mal selber Galerist!

Ausnahmsweise mal eine originelle Idee des Zigarettenfabrikanten: Unter dem Motto "Do it yourself" veranstaltet Lucky Strike einen Wettbewerb für Nachwuchs-Galeristen. Aus den Bewerbern werden sechs Personen ausgewählt, die in einem Hamburger Loft Kunstobjekte und Gemälde nach Wahl ausstellen können. Das Projekt "Lucky Loft Galerie" wird am 31. August 2006 im Rahmen einer Vernissage eröffnet. Bis zum 24. September sind die Ausstellungen in sechs Galerien jeweils von Donnerstag bis Sonntag zu sehen.

 

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