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Archiv - Dezember 2006

Hier lesen Sie alle Einträge vom Dezember...
 

29. Dezember 2006
Jahresrückblick - das war 2006!

Keine Frage, das Jahr 2006 war ein wichtiges Kunst-Jahr. Vielleicht das wichtigste Kunst-Jahr in der Menschheitsgeschichte und darüber hinaus. Ich rede nicht von den Rekord-Erlösen auf Auktionen, Rekord-Ausstellungen wie die Neo Rauch-Retrospektive in Wolfsburg oder der Guggenheim Collection in Bonn, sondern von dem ganzen Kunst-Dünnschiss, der drumherum passiert, nie die Schlagzeilen füllt, aber meine atemberaubende Metamorphose begründet hat. Aber auf diesem langen Weg zum "erbarmungslosen Voyeur der Kunstszene" (Zitat "Der Spiegel"), habe ich zugegebenermaßen auch die ein oder andere falsche Abzweigung genommen. Macht aber nix.

Und das sind sie, die Höhen und Tiefen dieser Website in komprimierter Form:
 

Die besten Einträge:
Ein bisschen Selbstlob muss sein. Lesenswert ist auf jeden Fall die Sache mit den Wohnbeispielen. Insgesamt war der Mai einer meiner stärkeren Monate.

Die schlechtesten Einträge:
...gab es im Juni und Juli - ein WM-bedingter Niveau-Sturz und schlimmer Rückfall in alte Zeiten (olé, olé, olé). Und im Februar hat sich der kleine Ibi selber die "große" Kunst-Welt bei ebay erklärt. (*im-Boden-versink*). Das wird auch nicht von einigen fiesen Geschmacksverirrungen bei der Wahl zum Tipp des Monats getoppt. Hier jetzt aber keine Namen, da ausnahmslos alle (!) Künstler im persönlichen Kontakt sehr nett waren.

Der Künstler des Jahres:
Den wählen Sie im großen Januar-Gewinnspiel zum einjährigen Geburtstag dieser Seite. Bald mehr dazu.

Der Flop des Jahres:
Das Prädikat "richtig scheiße" verdienen sich unglaublich viele Kunstangebote - vor allem bei ebay. Aber ich bin natürlich dankbar dafür, denn der ganze Mist ist die Grundnahrung für diese Webseite. Den Vogel aber schießen die künstlerischen Selbstbeweihräucherungen ab. Ganz klar, mein Flop des Jahres.

Die beste Ausstellung des Jahres:
Für mich war das auf jeden Fall Zurück zur Figur in der Münchner Hypo. Von der Kritik (Art, Süddeutsche) gnadenlos zerrissen, konnte die Auswahl doch einen guten Überblick zur aktuellen gegenständlichen Malerei in Deutschland und Europa geben. War insgesamt 4mal dort - und würde die Ausstellung gerne noch einmal besuchen. Auch die Lange Nacht der Museen war klasse - weil die Galeristen nach dem dritten Bier locker werden und aus dem Nähkästchen plaudern. Das beste Museum im Jahr 2006 war für mich das Museum Ludwig in Köln.

Die mieseste Ausstellung des Jahres:
Keine Frage, ganz vorne steht Walters Museums-Spaß. Der gute Mann versteht von Kunst so viel wie ich von Menstruationsproblemen. Sieht man auch. An der Auswahl und an der Hängung. Auf Platz zwei folgt die Retrospektive zum druckgraphischen Werk von Salvador Dalí.

Die Auktion des Jahres:
Auch nicht schwer: Die Depot-Versteigerung im Haus der Kunst war in jeder Form spannend. Live-Atmonsphäre statt ebay-Geklicke. Dass ich dann auch noch einen riesigen Anderle zu einem fairen Preis mitnehmen durfte, hat den Spaß verdoppelt.


28. Dezember 2006
Fundstellen

Über Weihnachten habe ich ein paar nette Kunstbeiträge gefunden. Interessant war vor allem der Jahresrückblick zum Kunstjahr im Handelsblatt. Denn die Redakteure begnügen sich nicht damit, die Auktionserlöse chronologisch aufzuzählen, sondern geben auch ein paar Prognosen für 2007 ab. So sehen die Experten Arbeiten der deutschen Zero-Gruppe bislang unterbewertet und erwarten für Bilder von Otto Piene und Günther Uecker im kommenden Jahr Rekorderlöse.
 

Kritzelkunst auf dem Vormarsch? Kritzelkunst - Hohe Nachfrage bei  den Galerien!?





Nicht minder erstaunlich ist der neue Titel der Art, der sich Wand- und Papierkritzeleien widmet. Eine kritische (und gewohnt akademische) Auseinandersetzung findet hierzu im Flop des Monats statt.


22. Dezember 2006
Jahresrückblick und "Suuuuper"-Gewinnspiel

Kurz vor Weihnachten werden auch fiese Zyniker milde gestimmt. An dieser Stelle deswegen mal ein (ernstes) Dankeschön an alle, die nicht nur mit ihren kontinuierlichen Dauerklicks den Counter gefüttert haben, sondern auch Input geliefert (Werner), an der Orthographie (Ischta) oder der Gestaltung (PapaLapap) gemosert und damit diese Seite weiterentwickelt haben. Und Dank auch für alle skurrilen Anfragen zum Wert eurer alten kicker-Hefte, Dachbodengemälde und sonstigen Kunstschätzchen. Selbstverständlich weiß ich immer aus dem Stegreif, was der "oide Scheiß" wert ist. 

Bevor ich jetzt in Tränen ausbreche, möchte ich allen schöne Weihnachten wünschen und auf zwei bevorstehende Highlights hinweisen: Zwischen den Jahren geht hier der ultimative Jahresrückblick live. Durchleben Sie mit mir im Zeitraffer meine erschütternde Entwicklung vom braven Fußball-Futzi ("Olé Mönchengladbach!") zum bornierten Kunst-Klugscheißer. Und im Januar folgt dann die Wahl zum "Künstler des Jahres" mit 100 phantastischen Preisen, die Sie garantiert nicht gewinnen wollen! Bis dahin: Schöne Tage!


20. Dezember 2006
Al Capones Lieblingskachel

Keinen Bock auf einen dreitägigen Familienterror an Weihnachten? Dann verbringen Sie doch die Feiertage bei ebay. Das dürfte so besinnlich werden wie ein Samstag auf dem Oktoberfest. Professionelle Händler, darunter natürlich auch die große Zahl an Online-Galeristen, haben ihre Angebote so platziert, dass diese zwischen dem 22.12. (Freitag vor Weihnachten) und dem 26.12. abends auslaufen. Gute und vor allem teure Sachen dabei. Und eine Menge "einmaliger Gelegenheiten".
 

"Ihm ganz nahe sein" - Perser-Teppich aus dem Priester-Seminar von Papst Benedikt Lief Be-ne-detto über diesen Perser? 15 500 Euro für den Läufer
    aus dem Priesterseminar

 

 

 


 

Ein Auge sollten Sie auf jeden Fall auf den Perser-Teppich aus Papst Benedikts Priesterseminar werfen. Sehr schön auch die Headline des bayerischen Anbieters: "Ihm ganz nahe sein". Preis: 15 500 Euro (Sofort kaufen).
 

Nicht weniger interessant ist eine Badezimmerfußboden-Kachel, auf der schon Al Capone stand. 8 x 8cm, taubenblau, mit rotem Fleck (Blut eines Opfers?). Der Originaltext löst die spannende Geschichte hinter dieser Reliquie leider nicht ganz auf.
 

Kachel aus dem Badezimmer von Al Capone  Kachel aus dem Badezimmer von Al Capone



 

"December 1998, a german tourist at Cuban peninsula Hicacos, Varadero beach stole a bath floor tile of AL Capones mansion during restauration.
Al Capone walked with his feets over this tile! The top of tile is slip-resistant. (...)
Makes a great gift for Any Occasion".


Kostenpunkt: Ab 15 000 Euro. Mit dabei, sozusagen als Gratis-Zugabe, ist ein ziemlich beschissenes Gemälde von dem Haus, aus dem die Kachel geklaut wurde. Viel Spaß beim Bieten!


15. Dezember 2006
Helnwein, Corinth und Radziwill

Oft genug ziehe ich über den ganzen Mist her, der da bei ebay zu astronomischen Preisen in der Sektion Kunst angeboten (und selten verkauft) wird. Gestern aber ist mir die Spucke weggeblieben. Das ist doch tatsächlich ein Bild (Unikat!) in der Liste, von dem ich seit Jahren einen Druck besitze, (den ich aber aus ästhetischen Gründen nicht mal im Bad aufgehängt habe - achten Sie mal auf die Details).
 

Der höhnische Arzt" (Ausschnitt), Gottfried Helnwein, 1973  "Der höhnische Arzt" (Ausschnitt), Gottfried Helnwein, 1973,
       knapp 100 000 Euro bei ebay,

 


 

Die Rede ist vom höhnischen Arzt von Gottfried Helnwein. Rund 100 000 Euro will der Leipziger Verkäufer dafür. Klingt viel, ist aber nicht so unverschämt für ein großformatiges Gemälde, das schon in international bedeutenden Ausstellungen wie in der Eremitage in St. Petersburg bestaunt wurde. Keine Frage, ein klasse Bild, und wenn ich die paar Euros locker machen könnte, käme ich ins Grübeln, aber ich habe meinen Jahres-Etat nach dem Kauf der 5-Mio-J.Lo fast ausgeschöpft.


Reicht nicht mal mehr für den Halbakt von Lovis Corinth, den ein Bonner Galerist eingestellt hat (WVZ Nr. 111 zum Preis von 39 0000 Euro). Ebenfalls ein schickes Gemälde und definitiv museale Kunst. Fragt man sich schon, warum er das bei ebay verkauft – ist ja nicht unbedingt der seriöseste aller Kunstmärkte, wie die Erfahrung lehrt. Auf einer stationären Auktion wäre er das Ding doch auch los geworden. Mag an den offenen Provenienz-Fragen liegen, die der Verkäufer im Übrigen selber aufwirft. Oder an dem Fehlen von Gutachten zur Echtheit? Letztlich schließt er auch noch die Rücknahme aus und beruft sich auf sein Recht als Privatverkäufer. Das ist nicht in Ordnung, guter Mann, denn du verzockst online gerade rund 100 Werke bedeutender Maler und fällst somit eindeutig in den Kreis der Händler!

Last but not least läuft in diesen Minuten ein Aquarell von Franz Radziwill aus. Hier hat mein Finger tatsächlich mal kurz in Richtung "Bieten"-Knopf gezuckt (1600 Euro). Radziwill hat meines Erachtens phantastische Sozialstudien geschaffen. Bilder, denen man sich kaum verschließen kann. Bei dem angebotenen Motiv handelt es sich aber um eine eher öde Naturdarstellung. Sehen wohl auch die anderen ebay-Kunstkäufer so. Zwei Stunden vor Schluss steht das Bild bei "0" Geboten.


8. Dezember 2006
1,43 € pro Strich

Raphael aus der Schweiz hat mich angemailt (das war sehr lieb von dir, Raphael) mit der Frage, ob ich nicht eines seiner Kunstprojekte vorstellen wolle. "Denke, dass die Werke es wert sind, von Dir kommentiert zu werden." (definitiv, Raphael!)

Raphael malt Strichbilder: Weiße Striche auf schwarzem Hintergrund. Und zwar kumuliert, bei "eins" angefangen. Heißt: Für jeden weiteren Strich ein weiteres Bild. Insgesamt 180 Gemälde. Um diese Zahl zu verstehen, müssen Sie sich in Raphaels Welt einlesen. Leider ist die Webseite in englischer Sprache, und das alles hat wohl viel mit Sinnfragen und Weltschmerz zu tun, und irgendwie stehen die 180 Striche für 180 Gründe, genau diese Bilder zu malen.
 

Projekt 180artlines.com von Raphael  Willkommen im Shop: Raphaels Strichbilder aus dem Projekt
      180artlines.com


Optisch erinnert die Reihe entfernt an On Kawaras Datumsbilder. Oder an die Wandmalereien von langjährigen Häftlingen. Die semantische Ähnlichkeit zur Knast-Kunst nährt sich auch aus der Preisstaffelung der Bilder. Abgerechnet wird nach der Anzahl der Striche. Pro Balken umgerechnet 1,43 €. Wäre ja auch logisch, dass Sie für das Bild eines Schwerverbrechers (25 Jahren JVA-Expertise!) mehr zahlen als für den Entwurf eines lapidaren Steuerbetrügers, der gerade mal ein, zwei Jährchen absitzen muss. Aber den Begriff  "Knast" (Raphael would say: "prison"), habe ich auf der Page nicht gefunden.


Und auch sonst nichts Mitleiderregendes. Statt dessen aber ein ausgeklügeltes Shop- und Warenkorbsystem, das auch die Bestellung von Mehrfachexemplaren der Unikate (?) vorsieht. Und da gibt es nicht nur Kunst, sondern auch Fresspakete für Soldaten - zwar sackteuer, dafür aber im Abo (!). Wie das alles zusammenpasst, habe ich noch nicht ganz verstanden, aber das schiebe ich mal auf "meine" rudimentären Englisch-Kenntnisse...


6. Dezember 2006
Who the fuck is Tomma Abts?

Seien Sie doch ehrlich, diese Frage haben Sie sich doch auch gestellt, als Sie (vor)gestern die Spätnachrichten angeschaut oder im Kulturteil der Online-Magazine gesurft haben. Fakt ist, die 39jährige gebürtige Kielerin hat mit dem britischen Turner-Preis eine der bedeutendsten internationalen Kunst-Auszeichnungen eingeheimst. Und zwar für eine Reihe abstrakter Gemälde (teilweise Op-Art), die allesamt im Format 48 x 38 Zentimeter gemalt sind und farblich an Kellerwände und 70er-Jahre-Tapeten erinnern.


Tomma Abts, "Ehme", 2002, 48cm x 38cm
 Tomma Abts, "Ehme", 2002, 48cm x 38cm

 

 

 

Der künstlerische Wert ihrer Arbeit ist gleichwohl über alle Zweifel erhaben. Monate, so Tomma Abts, male sie an einzelnen Gemälden, die wie bei einer Schwarzwälderkirsch-Torte aus mehren Schichten bestehen, um den gewünschten Effekt beim Betrachter zu erzielen.

Nach dieser Preisverleihung dürfte die in London lebende Künstlerin für die nächsten Wochen die Seiten im Feuilleton füllen.

Gut so, dann löst sie endlich "Rauch" und "Hirst" ab. Zudem wird gemutmaßt, dass nun auch die Preise ihrer Bilder sprunghaft ansteigen werden. Anfang des Jahres haben ihre Gemälde rund 20 000 Euro gekostet. Diese Zahl dürfte sich schon bald verdoppeln, da nun auch die Museen verstärkt ankaufen werden. In Deutschland wird Abts von der Berliner Galerie Giti Nourbakhsch vertreten.


4. Dezember 2006
Die Chinesen kommen!

Zhang Xiaogang, "A big family series", 1995  Zhang Xiaogang, "A big family series", 1995

 

 

Das meint zumindest die Zeitschrift Art Investor in seiner 5er Ausgabe (Oktober/November) und beruft sich dabei auf die starke Nachfrage nach chinesischer Kunst auf bedeutenden Kunstmessen wie der Frieze Art und auf einen undurchsichtigen Index, nach dem 24 der 50 umsatzstärksten Künstler Anfang 2006 aus dem Reich der Mitte stammen. Höchste Zeit, die Probe aufs Exempel zu machen und den ebay-Markt nach Kunst "made in China" abzuklopfen, was unweigerlich zum Flop des Monats führen muss.
 

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